Warum schauen sie weg?

Warum schauen sie weg?

Seit du gestorben bist, haben sich manche Begegnungen verändert.

Nicht alle.

Aber genug, dass ich es bemerke.

Es sind die kleinen Momente.

Ein Blick auf der Straße.

Eine Begegnung im Supermarkt.

Menschen, die mich erkennen.

Und dann wieder nicht.

Manchmal frage ich mich, ob ich mir das einbilde.

Doch dann passiert es wieder.

Die Augen treffen sich für einen kurzen Moment.

Und plötzlich schaut der andere weg.

Als hätte er etwas gesehen, das er nicht sehen möchte.

Als hätte meine Trauer den Raum betreten, bevor ich es getan habe.

Dabei möchte ich gar nichts.

Kein großes Gespräch.

Keine perfekten Worte.

Keine Erklärung.

Manchmal wünsche ich mir nur einen normalen Blick.

Ein einfaches Hallo.

Eine Begegnung zwischen zwei Menschen.

Doch oft spüre ich etwas anderes.

Unsicherheit.

Verlegenheit.

Manchmal sogar Angst.

Nicht vor mir.

Sondern vor dem, was mir passiert ist.

Vielleicht erinnert mein Verlust die Menschen daran, wie verletzlich das Leben ist.

Vielleicht wissen sie nicht, was sie sagen sollen.

Vielleicht haben sie Angst, etwas Falsches zu sagen.

Also sagen sie lieber gar nichts.

Und schauen weg.

Doch was bei ihnen vielleicht nur ein kurzer Moment der Unsicherheit ist, fühlt sich bei mir anders an.

Ich bemerke es.

Immer wieder.

Und nein, es geht nicht einfach an mir vorbei.

Denn ich bin noch da.

Ich existiere noch.

Ich bin dieselbe Person, die ich vorher war.

Mit derselben Stimme.

Denselben Augen.

Derselben Geschichte.

Nur dass diese Geschichte nun auch Trauer enthält.

Manchmal möchte ich sagen:

Du darfst mich anschauen.

Du darfst Hallo sagen.

Du musst meine Trauer nicht lösen.

Du musst sie nicht verstehen.

Du musst sie nicht wegmachen.

Du musst nicht einmal die richtigen Worte finden.

Begegne mir einfach.

Von Mensch zu Mensch.

Denn das Wegschauen tut oft mehr weh als ein unbeholfenes Gespräch.

Trauer ist kein Makel.

Sie ist keine Krankheit.

Und sie ist nicht ansteckend.

Sie ist die Folge von Liebe.

Von einer Liebe, die keinen Platz mehr gefunden hat, außer im Herzen.

Vielleicht müssen wir als Gesellschaft lernen, Trauer nicht immer zu umgehen.

Vielleicht müssen wir lernen, dass man einem trauernden Menschen in die Augen schauen darf.

Dass man bleiben darf.

Dass man nicht perfekt sein muss.

Nur menschlich.

Und bis dahin werde ich mich daran erinnern:

Wenn jemand wegschaut, sagt das nicht unbedingt etwas über meinen Wert aus.

Vielleicht sagt es mehr über die Hilflosigkeit aus, mit der wir als Gesellschaft dem Schmerz begegnen.

Aber manchmal wünsche ich mir trotzdem, die Menschen würden den Blick nicht senken.

Sondern einfach stehen bleiben.

Und mich sehen.

Wenn du gerade hier bist, trägst du vielleicht etwas Schweres in dir. Du musst es nicht alleine tragen.

Nimm dir einen Moment. Atme. Und geh in deinem Tempo weiter.

Sanielya

Du musst diesen Weg nicht alleine gehen

Wenn du dir Begleitung wünschst – in Gesprächen oder durch sanftes Yoga – bin ich für dich da.

Kontakt aufnehmen