Trauer steckt nicht an

Trauer steckt nicht an

Achtung.

Die verwaiste Mama läuft wieder durch die Gegend.

Schaut besser weg.

Begrüßt sie nicht.

Schaut ihr bloß nicht in die Augen.

Sonst erinnert sie euch daran, dass das Leben zerbrechlich ist.

Vielleicht steckt Trauer ja an.

Vielleicht reicht ein Blickkontakt.

Vielleicht ein einfaches „Hallo“.

Also lieber schnell die Straßenseite wechseln.

Den Blick senken.

So tun, als hätte man sie nicht gesehen.

Es ist merkwürdig.

Als hätte ich nach dem Tod meines Kindes etwas Unsichtbares bekommen.

Keine Wunde, die jeder sehen kann.

Keine Narbe, die auffällt.

Und doch scheinen manche Menschen Angst davor zu haben.

Dabei wünsche ich mir nichts Außergewöhnliches.

Kein perfektes Gespräch.

Keine klugen Worte.

Keinen Trost.

Ich wünsche mir nur, dass man mich anschaut.

Dass man mich grüßt.

Dass man mir begegnet wie einem Menschen.

Früher habe ich selbst einer verwaisten Mutter Trost geschenkt.

Nicht nur, weil ich mit ihr mitgefühlt habe.

Sondern weil ich selbst das Kind einer verwaisten Mutter war.

Beziehungsweise bin.

Ich habe gesehen, wie Trauer ein Leben verändert.

Wie sie still neben einem Menschen sitzt.

Wie sie niemals ganz verschwindet.

Wenn die Theorie stimmt, dass Trauer ansteckend ist, dann müsste ich längst angesteckt sein.

Als Kind.

Als Erwachsene.

Als Mutter.

Doch heute weiß ich:

Nicht die Trauer steckt an.

Sondern die Angst vor ihr.

Vielleicht ist es genau diese Angst, die Menschen wegschauen lässt.

Die sie glauben lässt, Schweigen sei besser als ein unbeholfenes „Hallo“.

Dabei sagt auch Schweigen etwas.

Auch ein gesenkter Blick erzählt eine Geschichte.

Eine Geschichte von Unsicherheit.

Von Hilflosigkeit.

Von einer Gesellschaft, die nie gelernt hat, Trauer auszuhalten.

Aber Trauer braucht keinen Abstand.

Sie braucht Menschlichkeit.

Ein ehrliches Lächeln.

Einen Blick, der nicht ausweicht.

Ein einfaches:

„Schön, dich zu sehen.“

Man muss meine Trauer nicht tragen.

Man muss sie nicht verstehen.

Aber man darf mich trotzdem sehen.

Denn ich bin nicht nur eine verwaiste Mama.

Ich bin ein Mensch.

Und ich bin immer noch hier.

Wenn du gerade hier bist, trägst du vielleicht etwas Schweres in dir. Du musst es nicht alleine tragen.

Nimm dir einen Moment. Atme. Und geh in deinem Tempo weiter.

Sanielya

Du musst diesen Weg nicht alleine gehen

Wenn du dir Begleitung wünschst – in Gesprächen oder durch sanftes Yoga – bin ich für dich da.

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